Vorankündigung
13. Handelsblatt Jahrestagung
 
Stahlmarkt 2009.

4. und 5. März 2009, Düsseldorf
   
Ansprechpartner:
Frau Daniela Müller
Telefon: 02 11.96 86–36 45

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   Klimapolitik gefährdet den Stahlstandort Deutschland
 

Pressebericht zur 12. Handelsblatt Jahrestagung "Stahlmarkt 2008" (4. und 5. März 2008, Düsseldorf)

Düsseldorf, März 2008. „Die globale Stahlindustrie erlebte 2007 ein Rekordjahr wie nie zuvor“, sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Prof. Dr.-Ing. Dieter Ameling, zum Auftakt der 12. Handelsblatt Jahrestagung „Stahlmarkt 2008“. Die Erwartungen an die weitere Entwicklung in der Stahlindustrie angesichts hoher Rohstoff- und Energiekosten sowie steigender chinesischer Billig-Importe bestimmten die weiteren Diskussionen der rund 300 Teilnehmer des etablierten Branchentreffs. Gut eine Woche vor dem EU-Gipfel äußerten sich die Stahl-Verantwortlichen besorgt über die Zukunft der deutschen und europäischen Stahlindustrie, sollte die EU-Kommission der energieintensiven Industrie nicht mit kostenfreien Kohlendioxid-Zertifikaten entgegenkommen. Die guten deutschen Konjunktur-Ergebnisse und die Entspannung auf dem deutschen Arbeitsmarkt hätten in letzter Zeit erneut die große Bedeutung der „alten“ Industrie für den Standort Deutschland gezeigt.

Den großen Anteil der Stahlindustrie an der positiven konjunkturellen Entwicklung in Deutschland führte der Präsident der Stahlvereinigung weiter aus. Bereits zum fünften Mal in Folge sei die Welt-Stahlindustrie über sieben Prozent gewachsen, betonte er. Dieses Wachstum sei 2007 nicht nur durch die Schwellenländer gefördert worden, sondern alle Märkte - ausgenommen den USA - hätten eine robuste Dynamik gezeigt. Trotz des starken Euro habe die deutsche Stahlindustrie einen Umsatzrekord von 45 Milliarden Euro erreicht. Die Rohstahlproduktion habe mit 48,6 Millionen Tonnen einen neuen gesamtdeutschen Rekord erzielt. Die deutschen Produktionskapazitäten waren 2007 nahezu voll ausgelastet und nahmen zum zweiten Mal in Folge um fünf Prozent zu. Die Aussichten für 2008 schätzte Ameling weiterhin positiv ein. Allerdings dürften die Risiken durch die drohende Rezession in den USA, den hohen Rohstoff- und Energiepreisen und den Euro-Höhenflug nicht übersehen werden. Auch wichtige Frühindikatoren deuteten bereits eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums an. Die Bundesregierung habe ihre Wachstumsprognose für 2008 bereits auf 1,7 Prozent nach unten korrigiert.

Chinas Stahlimporte und steigende Rohstoffkosten
Der Ausbau der chinesischen Rohstahlkapazitäten und der enorm gestiegene Stahl-Export aus dem Reich der Mitte seien ein weiterer Risikofaktor für die deutsche Stahlindustrie. „Die Stahlexporte haben ein nicht gekanntes Niveau erreicht. 2007 wurde der EU-Stahlmarkt mit 10 Millionen Tonnen überschwemmt“, stellte Ameling fest. „Wir sehen uns zunehmend einem Verdrängungswettbewerb mit gedumpten beziehungsweise subventionierten Produkten ausgesetzt“, so der Präsident. Da alle Bemühungen der EU um eine politische Lösung mit China gescheitert seien, habe die Stahlindustrie Antidumping-Verfahren gegen unfaire Stahllieferungen aus China angestrengt. Ameling hob hervor, dass diese Verfahren nicht auf eine Abschottung des EU-Marktes abzielten, sondern lediglich ein Instrument zur Wiederherstellung fairer Handelspraktiken seien.

Trotz der genannten Risiken zeigte sich Ameling zuversichtlich. „Im Jahresdurchschnitt 2008 ist bei den Stahlverarbeitern weiterhin mit einem Plus von gut drei Prozent zu rechnen.“ Mit 48,5 Millionen Tonnen werde die Rohstahlproduktion 2008 auf demselben hohen Niveau wie 2007 bleiben und die Kapazitäten voll ausgelastet sein. Mit Sorge betrachte er allerdings die aktuellen Entwicklungen an den Rohstoffmärkten und die damit verbundenen extremen Kostensteigerungen. Die Preise für Feinerz seien um 66 Prozent gestiegen und die mögliche Übernahme von Rio Tinto durch BHP Billiton könne die Situation noch weiter verschärfen. Auch bei Kokskohle sei durch überflutete Minenbetriebe in Australien, die Winterschäden in China und dem Zusammenbruch der Energieversorgung in Südafrika mit weiteren Preissteigerungen zu rechnen. Ähnlich dramatisch sähe die Situation bei den Legierungsmetallen und beim Stahlschrott aus. „Rohstoffe bleiben knapp und teuer“, stellte Ameling fest. Da in den letzten beiden Jahren die Handelshemmnisse im Rohstoffbereich enorm zugenommen hätten, forderte er bei der Rohstoffversorgung ein entschlossenes politisches Handeln, um marktwirtschaftliche Regeln für alle Marktteilnehmer zu ermöglichen.

EU-Klimaschutzpaket ist existenzbedrohend
Deutlich wurde Ameling in seiner Kritik am Energie- und Klimaschutz-Paket der EU-Kommission. „Für den Industriestandort Europa sind die Vorschläge eine große Belastung, für die energieintensive Industrie in Deutschland sind sie existenzbedrohend“. Besonders problematisch bewertete er die geplante Versteigerung der CO2-Zertifikate, die bislang kostenlos zugeteilt wurden. Wenn es ab 2012 keine kostenlose Zuteilung mehr geben solle, wäre dies „der Todesstoß für den Industriestandort Deutschland und Europa“. Allein auf die deutschen integrierten Hüttenwerke kämen Zusatzkosten von 2,3 Milliarden Euro zu, ohne Berücksichtigung der durch den Emissionshandel zu erwartenden Strompreiserhöhungen. „Eine Abwanderung der Grundstoff-Industrie in Deutschland und Europa wäre unvermeidlich“, stellte Ameling fest. Die EU habe das Problem erkannt, allerdings wolle sie eine definitive Entscheidung erst 2010 treffen und diese dann alle drei Jahre überprüfen. Dieses Vorgehen der EU nähme der Stahlindustrie sämtliche Investitionssicherheiten und sei folglich der „Beginn der Wettbewerbsunfähigkeit“, betonte er. Scharf kritisierte Ameling auch die geplante Verschiebung des Referenzjahres für die Klimaziele von 1990 auf 2005, die die frühen und erfolgreichen Bemühungen der deutschen Unternehmen im Nachhinein bestrafe. Ebenso beklagte er den fehlenden Wettbewerb auf dem deutschen Energiemarkt. Gerade die Stahlindustrie könne mit ihren Produkten und Innovationen viel zum Klimaschutz und zur Energieeffizienz beitragen. Ameling appellierte an die Politik, der Stahlindustrie nicht in den Rücken zu fallen. „Stahl ist nicht das Problem, sondern kann zur Lösung beitragen“. Die Stahlindustrie sollte nicht doppelt durch hohe Energiekosten und den Zertifikatehandel in seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit belastet werden.

Dr. Jost A. Massenberg, Mitglied des Vorstandes der ThyssenKrupp Steel AG, schloss sich dem Präsidenten der Stahlvereinigung an und betonte ebenfalls die große Gefahr, die durch das Klimaschutzpaket der EU drohe. „Wenn die vage formulierte Ausnahmeregelung für die energieintensive Stahlindustrie nicht greifen sollte, dann erwartet ThyssenKrupp Steel für 2020 jährliche Mehrbelastungen von rund einer Milliarde Euro bei einem Zertifikatepreis von 50 Euro pro Tonne“, stellte der ThyssenKrupp-Vorstand fest. Zusätzlich kämen weitere Belastungen durch die anhaltend stark steigenden Energiekosten hinzu. Da Investitionen in der Stahlindustrie sehr langfristig angelegt seien, appellierte Massenberg an die EU-Kommission, schnell eine verbindliche Lösung zu finden. Die europäischen Anbieter hätten in den letzten Jahren ihre Hausaufgaben gemacht und seien durch Restrukturierungen und Privatisierung heute wieder international wettbewerbsfähig.

ThyssenKrupp mit Rekordergebnissen
Durch Restrukturierungsmaßnahmen habe sich ThyssenKrupp Steel mit Spezial-Stählen erfolgreich behaupten können. ThyssenKrupp Steel habe sich mit einem Umsatz von 13,2 Milliarden Euro, einem EBT von rund 1,7 Milliarden Euro und 40.000 Mitarbeitern als wichtiges Kerngeschäft des ThyssenKrupp-Konzerns positioniert. Seit der Fusion 1999 konnte der Konzernumsatz von 37 Milliarden Euro auf 52 Milliarden Euro gesteigert werden. „Das Geschäftsjahr 2006/2007 war das beste in der Konzerngeschichte“ sagte Massenberg. Auch für das kommende Jahr habe sich ThyssenKrupp anspruchsvolle Ziele gesetzt. Das gute Ergebnis 2007 und die solide Finanzstruktur gäben genügend Freiraum für ein weiteres Wachstum. „ Wir denken langfristig. Bis 2011 ist ein Umsatz von 65 Milliarden angestrebt“, so Massenberg. Durch die kontinuierliche Verbesserung der wirtschaftlichen Kennzahlen habe sich ThyssenKrupp Steel eine solide Basis für die geplante Expansion verschafft. Mit einem Gewinn von fast 1,7 Milliarden Euro sei im vergangenen Geschäftsjahr das vierte Rekordergebnis in Folge erzielt und etwa die Hälfte zum Konzerngewinn beigesteuert worden. Die Perspektiven auf dem Markt seien vor allem in China günstig, sagte er weiter. Aber auch in Deutschland sei mit einer Erzeugung von 48,6 Millionen Tonnen die höchste Produktion seit der Wiedervereinigung erreicht worden. Der anhaltend hohe Stahlbedarf stimme auch für die nächste Zeit optimistisch, auch wenn die Rohstoffpreise und die Finanzkrise Risiken darstellten. Kritisch bewertete er die chinesischen Stahlexporte und stellte sich hinter die Antidumping-Verfahren. „Die Produkte werden um bis zu 40 Prozent billiger angeboten, obwohl China mit ähnlich hohen Rohstoffkosten kämpft“, stellte er fest. „Wir haben viel getan, um unsere Kostensituation zu verbessern, aber die enorm ansteigenden Rohstoffkosten können wir leider nicht abfangen“, sagte Massenberg. Darum habe ThyssenKrupp Steel bereits zum 1. April 2008 seine Preise um 100 Euro anheben müssen. Ab Juli kündigte er weitere Preisanhebungen an, um die Energie- und Rohstoffkosten beherrschen zu können.

Eine positive Zwischenbilanz zog Massenberg über den Fortgang der von ThyssenKrupp Steel eingeleiteten Expansionsstrategie. Der Bau des Werkes in Brasilien verlaufe gut und man rechne 2009 mit der Erzeugung der ersten Bramme. Das geplante Weiterverarbeitungswerk in den USA werde 2010 seinen Betrieb aufnehmen. Viele der Modernisierungsmaßnahmen an den deutschen Standorten würden bereits Mitte 2008 abgeschlossen. Nach der Hochhofen-Einweihung in Duisburg sei hier bereits die Zielkapazität erreicht und einer der effizientesten und umweltfreundlichsten Hochöfen in Betrieb. Mit der Modernisierung des Hochhofen 9 werde der Standort Duisburg weiter als einer der wichtigsten Stahlstandorte der Welt gestärkt.

Anhaltend hohe Stahlnachfrage bis 2020
Eine positive Einschätzung der weltweiten Stahlproduktion von 1,34 Milliarden Tonnen im Jahr 2007 auf 2,3 Milliarden Tonnen im Jahr 2020 gab auch Pierre Mangers (PricewaterhouseCoopers). Laut einer aktuellen Prognose von PricewaterhouseCoopers (PwC) steigt nicht nur die Stahlproduktion, sondern auch die Nachfrage von 1,2 auf rund 2,2 Milliarden Tonnen. Davon entfielen auf China, Indien und den Nahen Osten voraussichtlich 55 Prozent gegenüber 41 Prozent heute. Wegen der anhaltenden guten Nachfrage prognostizierte der PwC-Experte weiter hohe Rohstoffpreise. Größere Unternehmen würden von dieser Konstellation stärker profitieren als kleine, stellte Mangers fest.

„Kampf um Rohstoffe“
Im Kontext der von Ländern wie Indien und China betriebenen geostrategischen Wirtschaftspolitik zur Sicherung ihrer Rohstoffquellen sprach Ulrich Grillo, Vorsitzender des Vorstandes der Grillo-Werke, von einem „Kampf um Rohstoffe“. Der Vorsitzende des BDI-Rohstoffausschusses beklagte die Handels- und Wettbewerbsverzerrungen, die durch die makroökonomische Kontrolle dieser Länder hervorgerufen würden und erinnerte daran, dass Rohstoffversorgung eine unternehmerische und keine politische Sache sei. „Aber es müssen für alle die gleichen Spielregeln gelten“, betonte er. Das strategische Ungleichgewicht gehe zu Lasten aller. Er appellierte an die Politik, Handels- und Wettbewerbsverstöße zu ahnden und so wieder faire Spielregeln im Markt durchzusetzen. Im Sinne einer nachhaltigen Rohstoffversorgung forderte er alle zuständigen Ministerien zu einer stärkeren Zusammenarbeit auf. Grillo räumte ein, dass die politischen Möglichkeiten auf bilaterale Gespräche beschränkt seien und die eigentliche Kompetenz in diesen Fragen bei der Europäischen Kommission liege. „Wir brauchen eine europäische Rohstoffpolitik, die Handels-, Umwelt- und Entwicklungspolitik einschließt“, so Grillo weiter. Der eingeleitete WTO-Prozess sei langwierig und darum müssten in den EU-Freihandelsverhandlungen Rohstoffgesichtspunkte stärker berücksichtigt werde. Beispielsweise werde in der Umweltpolitik durch die europäische Abfallrichtlinie Metallschrott als wichtige Rohstoffquelle unterlaufen. Auch in der Entwicklungspolitik würde das Rohstoffthema stiefmütterlich behandelt. Den großen Einfluss, den Europa in Afrika durch sein entwicklungspolitisches Engagement habe, werde nicht für die Sicherung von Rohstoffquellen genutzt. China dagegen sichere schon lange seinen Rohstoffbezug durch Investitionszusagen ab. „Rohstoffsicherheit ist kein Interesse einzelner Unternehmen, sondern ein gesellschaftliches Bedürfnis“, betonte Grillo.

Eisenerz für 200 Jahre
Aus Sicht des zweitgrößten Eisenerz-Erzeugers Vale International stellte Renato Neves die Aussichten für die Stahlindustrie vor. Die Stahlpreise befänden sich auf einem Rekordniveau und wegen des anhaltend hohen Weltstahlverbrauchs werde die Rohstahlproduktion weiter steigen. Durch neue Standorte und hohe Investitionen werde sein Unternehmen versuchen die bestehenden Engpässe abzubauen. Für 2008 prognostizierte er aber angesichts des starken Stahlwachstums eine weitere Knappheit. Vale verfüge über 8,6 Milliarden Tonnen Reserven und könne so die Stahlindustrie bei anhaltendem Wachstum noch für 29 Jahre mit Eisenerz versorgen. Bis Ende 2012 plane Vale ein Produktionsniveau von 450 Millionen Tonnen. Bereits ab 2010 werde das Eisenerz aus neu erschlossenen Produktionsstätten kommen. Elf Milliarden Dollar investiere Vale allein 2008 und verfolge das größte Investitionsprogramm in der Exploration. Insgesamt arbeite sein Unternehmen an 26 Projekten, um die massive Eisenerz-Expansion erreichen zu können, führte Neves aus. „Wir wollen das größte Bergbauunternehmen der Welt werden“, sagte der Vale-Manager und unterstrich die Bemühungen seines Unternehmens das Stahl-Wachstum mit seinen Investitionen unterstützen zu wollen.

Optimierung der HIsmelt-Technologie
Die technologischen Möglichkeiten, durch die „HIsmelt-Technologie“ effizienter und umweltfreundlicher zu schmelzen, stellte Dr. Rod Dry (HIsmelt Corporation) vor. Viele Unternehmen seien bereits an der neuen Technologie interessiert und eine erste Anlage sei bereits seit 2005 in Australien in Betrieb. Besonders in Asien sei die Nachfrage nach HIsmelt groß. Sein Unternehmen arbeite daran, die Schmelzleistung noch weiter zu verbessern. Insgesamt zeigte sich Dry mit der Produktionsleistung der neuen Anlage zufrieden, auch wenn die Lanzen noch Probleme machten. Weitere Verbesserungen strebe HIsmelt im Kohleverbrauch und bei der Wärmeeffizienz an. Ehrgeizige Ziele verfolge sein Unternehmen auch bei der weiteren Reduktion der CO2-Emissionen. Bis 2012 versuche man eine Reduktion von bis zu 90 Prozent zu ermöglichen, betonte Dry.

Volatilität bei Legierungen und Stahlschrott
Auch Karl Haase, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Edelstahlwerke, und Rolf Willeke, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied der BDSV, gingen auf die aktuelle Rohstoff-Problematik ein. In der Stahlveredelung kämpfe die Stahlindustrie auch mit sehr volatilen Legierungspreisen. Zwar seien die Märkte für Nickel nicht so konzentriert wie die für Erz, dafür kämpfe man aber gegen Preisspekulationen. Die einzige Möglichkeit sich gegen die extreme Volatilität abzusichern, sei die Abdeckung durch Langfristverträge, so dass nur Bedarfspitzen am Spotmarkt bezogen werden müssten.

Auf die Volatilität der Stahlschrottpreise verwies im weiteren Rolf Willeke. Die aktuellen Zahlen für 2007 machten deutlich, dass die europäischen Stahlrecyclingunternehmen sichere Rohstofflieferanten für die europäische Stahlindustrie seien. 2007 seien die europäischen Stahlwerke mit rund 88 Millionen Tonnen Stahlschrott beliefert worden. Unter Berücksichtigung der Rohstoffdeckung durch den Eigenentfall der Stahlwerke seien insgesamt 118 Millionen Tonnen Stahlschrott zum Einsatz gekommen. Bei einer Stahlproduktion von 210 Millionen Tonnen bedeute dies in Europa bereits einen Stahlschrotteinsatz von 56,2 Prozent. Das veränderte Stahlschrottaufkommen in der Europäischen Union mit einem Trend zu einem höheren Anteil von Stahlaltschrott stelle die Stahlrecyclingunternehmen vor entsprechende Aufgaben hinsichtlich Logistik, Qualitätsverbesserung und Qualitätssicherung. Hier seien partnerschaftliche Gespräche auf der jeweiligen Kunden-Lieferanten-Ebene notwendig. Neben den steigenden Anforderungen der Stahlwerke kämen aus dem Umwelt- und Arbeitsschutzrecht sowie möglicherweise aus der REACH-Verordnung weitere Herausforderungen auf die Stahlrecyclingbranche zu. „Weiter steigende Ansprüche des Gesetzgebers und der Kunden tragen zu einer Konsolidierung in der Branche bei. Was wir seit Jahren in der Stahlindustrie und bei den Rohstoffkonzernen beobachten, wird sich auch in unserer Branche fortsetzen“, sagte Willeke. Mit Sorge beobachte die Stahlrecyclingbranche die Konzentrationstendenzen in der europäischen Stahlindustrie, die bezüglich des Stahlschrottgeschäfts ihre Abhängigkeiten erhöhen und möglicherweise zu Preisdiktaten führen können. „Wir sind auf ein gutes Kunden-Lieferanten-Verhältnis angewiesen und vertrauen nach wie vor auf die gute Zusammenarbeit mit der Stahlindustrie in den zurückliegenden Jahrzehnten“, sagte er.

Handel zu fairen Bedingungen
Die bereits von Ameling in seinem Einführungsvortrag umrissene Problematik der chinesischen Billig-Importe griff auch Gordon Moffat (EUROFER) auf. „Entscheidend für den Stahlhandel ist, dass der Handel fair ist“, sagte er. Moffat betonte, dass man bezüglich der subventionierten chinesischen Stahlpreise nicht gegen eine Industrie kämpfe, sondern gegen einen Staat. „Stahlpreise müssen variable und fixe Kosten widerspiegeln und darum ist das chinesische Vorgehen von Nachteil für die europäische Stahlindustrie“. Langfristig würde China zwar Probleme mit der Qualität und der Logistik bekommen, kurzfristig müsse aber die EU-Kommission aktiv auf die Subventionierung Chinas reagieren. Europa müsse gemeinsam seine Handelsinstrumente einsetzen und nicht bilateral handeln, forderte Moffat. Eine von drei Tonnen Stahl in Europa käme heute aus China. China habe sich aber nicht zum größten Exporteur entwickelt, weil es am wettbewerbsfähigsten produziere, sondern durch politische Einflussnahme. Subventionen würden in China auf allen Ebenen gewährt und das vergifte die Handelsbeziehungen, so Moffat weiter. Diese Subventionen zu identifizieren sei eine große Herausforderung für die EU. Die USA hätten sich die steigenden Stahl-Importe nicht gefallen lassen und entsprechend reagiert. „Wir sind offen für Importe, aber zu fairen Bedingungen“, betonte er. Da der Stahlverbrauch in Europa um fünf Prozent gestiegen sei, die Importe aber um 35 Prozent, ohne dass es in der EU eine Knappheit gegeben habe, seien die Missbräuche offenkundig. Deutlich sprach er sich darum für eine europäische Anti-Dumping-Gesetzgebung aus.

Eckart Lüling, Geschäftsführer von H. Künne, hob hervor, dass die metallverarbeitende Industrie einen differenzierten Blick auf die chinesischen Stahl-Importe habe, da manche Betriebe auch Importe benötigten. Für den Drahthersteller und Verarbeiter Künne mache es allerdings zurzeit keinen Sinn, außereuropäisch zu importieren. „Wir kaufen nur in Europa ein und darum wissen wir, dass die chinesischen Preise für Drahtseile nur mit unfairen Mitteln möglich sind“, sagte er. Zölle könnten nur effektiv eingesetzt werden, wenn man auch die Quoten berücksichtige. Er erinnerte daran, dass selbst auf Auto-Importen zehn Prozent Zölle liegen. Auch Lüling sprach sich für Anti-Dumping-Maßnahmen aus, da man die positiven Effekte bei Draht bereits sehen könne. Wichtig sei allerdings für die vielen mittelständischen Unternehmen, dass nicht nur Zölle auf einzelne Produkte, sondern entlang der ganzen Wertschöpfungskette erhoben würden. Nur so könne Fairness über den gesamten Produktionszyklus erzielt werden.

Drohende Konflikte um Energie- und Rohstoffressourcen
Die Konfliktpotenziale unter den asiatischen Nationen, aber auch mit den westlichen Ländern um Energie- und Rohstoffressourcen, griff der Vorsitzende des Ostasiatischen Vereins, Prof. Dr.-Ing. Eckhard Rohkamm, auf. „Wir haben wieder eine Welt, in der die Verfügbarkeit physischer Ressourcen eine Rolle spielt“, sagte er. Die Freisetzung der ökonomischen Kräfte Chinas und Indiens begründeten den enormen Nachfrage-Schub der letzten Jahre. Aber nicht nur mineralische Rohstoffe und Energie stellten ein Konfliktpotenzial dar, sondern auch die Ressource Wasser. China habe zwar gigantische, aber schlechte Kohlevorkommen und wenig Öl und Gas. Ähnlich stelle sich die Situation in Indien dar. Darum buhlten China und Indien bereits heute um die Öl- und Gasvorkommen im Iran und in Sibirien. Da aber auch Europa an diesen Quellen interessiert sei, würden hier schon die Konfliktpotenziale deutlich. China habe zwar Afrika ins Visier genommen, aber diese Länder könnten die enormen chinesischen Importbedürfnisse auf Dauer nicht befriedigen. Deutlich werde der Konflikt um Öl und Gas am Beispiel Myanmar. Das frühere Burma ist heute politisch völlig isoliert. Wegen seiner reichen Öl- und Gasvorkommen umgeht China aber die internationale Isolierung und sichert sich so die Energiereserven. „Wir liefern Myanmar den Chinesen aus“, stellte der Asien-Experte fest. Europa isoliere Myanmar lieber, als dass es wirklich etwas zur Problemlösung beitrage. Einen Handelskrieg mit militärischen Mitteln würde es zwar in nächster Zeit nicht geben, aber durch Anti-Dumping-Gesetze werde das Selbstbewusstsein der Chinesen und Inder nicht gebremst, stellte Rohkamm fest.

Gefährden China-Importe wirklich den Markt?
„Ich bezweifele, dass die Billigpreise von chinesischem Stahl und die Erhöhung der Importe wirklich dem Markt geschadet haben“, stellte der Vorstandsvorsitzende von Klöckner, Dr. Thomas Ludwig, zur Diskussion um chinesische Importe fest. Aus Sicht der Stahldistribution betonte er den zunehmenden Zwang zum globalen Sourcing. Als Distributoren biete man seinen Kunden den Zugang zu den weltweiten Märkten und die Kunden profitierten davon. Auch wenn die Stahlpreise auf einem historisch hohen Niveau seien, sei der Weltstahlmarkt auf Grund der hohen Nachfrage aus den BRIC-Staaten im Gleichgewicht. Da das deutsche Stahlgeschäft und die deutsche Wirtschaft insgesamt vom Export abhängig sei, müssten auch die Risiken einer Anti-Dumping-Gesetzgebung berücksichtigt werden. Weiter mahnte Ludwig die Verantwortung der Produzenten für die Preisgestaltung an, da die Konzentration der Produzenten weit fortgeschritten sei. In der Stahldistribution verstehe man sich auch als Partner der Produzenten. Die aktuellen Preisanpassungen der Produzenten seien zwar nachvollziehbar, aber in der Distribution müsse man auch an seine Kunden denken.

Wachstumsmarkt Osteuropa
Die Chancen für den osteuropäischen Stahlmarkt diskutierten Gregor Münstermann (ArcelorMittal Poland and Ostrava), Igor Konovalov (Inprom JSC), Philip Edmonds (Stemcor) und der Präsident der EASSC, Jürgen Nusser. Münstermann erinnerte zunächst daran, dass ArcelorMittal nach seiner Fusion zum größten Stahlhersteller der Welt aufgestiegen sei und rund zehn Prozent der Weltstahlkapazitäten abdecke. Als führender Hersteller können man weltweit diversifizierte Produkte liefern. Die weitere Strategie von ArclorMittal sei es, gemeinsam mit den Märkten zu wachsen. Bis 2012 werde eine Produktion zwischen 1,5 und 1,6 Milliarden Tonnen angestrebt. „Wir wollen am allgemeinen Wachstum teilhaben und bauen unsere Produktionskapazitäten aus“, sagte er. Das angestrebte Wachstum beinhalte auch den Ausbau der eigenen Rohstoffreserven auf bis zu 66 Millionen Tonnen. Weitere Investitionen seien für die Entwicklung neuer Verfahren, für Umwelttechnologien sowie Kostenoptimierung und Forschung vorgesehen.

Eine wichtige Rolle in der Wachstumsstrategie von ArcelorMittal spiele der osteuropäische Markt, betonte Münstermann. Außer Ungarn wüchsen die osteuropäischen Länder im Durchschnitt mit sechs Prozent und die Industrieproduktion und Baubranche habe daran einen großen Anteil. Besonders durch den Anstieg der Industrieproduktion von Autos und Haushaltsgeräten steige der Stahlbedarf. Da schon bald weitere Produktionsstandorte nach Osteuropa abwandern werden, nähme der Bedarf weiter zu. „In Polen wird sich die Produktion von 2005 bis 2010 verdreifachen und in ganz Osteuropa verdoppeln“, stellte er fest. Darum plane sein Unternehmen in Polen den Bau neuer Walzwerke, eine Brammengießanlage mit einer Kapazität von drei Millionen Tonnen sowie neue Hochöfen und Kokereien.

Das große Wachstumspotenzial der russischen Wirtschaft betonte Igor Konovalov (Inprom JSC). Der große russische Staatsüberschuss aus den Gewinnen der Öl- und Gaswirtschaft werde in den nächsten Jahren in viele Infrastrukturprojekte investiert. In den nächsten sieben Jahren würden 64.200 km Straßen gebaut und bis 2030 seien 20.500 km Schienen geplant. Gazprom plane enorme Infrastrukturprojekte für seine Energienetze und 12 Billionen Dollar seien für die Infrastruktur der olympischen Winterspiele in Sochi 2014 geplant. Konovalov zeigte sich überzeugt, dass die russische Stahlwirtschaft auf diese Herausforderungen vorbereitet sei. Positiv schätzte Philip Edmonds (Stemcor) die Möglichkeiten für Stahlhändler in Osteuropa ein. Insbesondere der Stahl-Import sei für die wachsenden Märkte ein großes Thema. Da in Osteuropa aber noch kein großer, international starker Hersteller zu finden sei, wäre der Export in Osteuropa noch wenig interessant. Für Stahlhändler wäre Zentraleuropa der interessantere Export-Markt.

Russen schauen nach Europa
„Wir sind es gewöhnt, uns die alte EU anzusehen, aber wenn wir uns zusätzlich die Türkei und die neuen EU-Staaten ansehen, dann sprechen wir vom zweitgrößten Stahlmarkt hinter China“, leitete Jürgen Nusser seine Betrachtungen zum osteuropäischen Markt ein. Der Präsident des EASSC erinnerte daran, dass die frühere UdSSR der größte Stahlproduzent der Welt gewesen sei. Die ökonomischen Schwergewichte in den heutigen GUS-Staaten seien Russland und die Ukraine. China habe zwar beide Länder von der Spitzenposition verdrängt, beide seien aber weiter exportlastig. Während die Ukraine eindeutig exportabhängig sei, kämpften die russischen Erzeuger mit der starken Inlands-Nachfrage. Dennoch wendeten sich Russland und die Ukraine schon heute stark dem europäischen Markt zu und hätten dessen Wachstumspotenziale erkannt. Besonders die Erzeuger aus den GUS-Staaten seien einem enormen Wettbewerbsdruck durch China und Brasilien ausgesetzt und versuchten durch Beteiligungen an europäischen Weiterverarbeitern ihre Position zu stärken. Nusser prognostizierte, dass die Russen eine große Rolle bei der globalen Konsolidierung spielen werden und sich dabei besonders auf den europäischen Markt konzentrieren werden. Der internationale Kostendruck, der bereits heute auch unter den BRIC-Staaten herrsche, werde die globale Konsolidierung weiter vorantreiben.

Standort Deutschland
Der Standort Deutschland bestimmte die Diskussionen des zweiten Tages der Handelsblatt-Konferenz. Der designierte Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, wiederholte zunächst die Appelle an die Politik, die Renaissance der Industrie nicht zu ignorieren. Es fehle ein deutliches Bekenntnis zum produzierenden Gewerbe und zur Wertschöpfung der Industrie.

„Die Chancen und Risiken halten sich die Waage“, stellte Peter van Hüllen, Vorsitzender der Geschäftsführung von Georgsmarienhütte, fest. Einerseits habe die deutsche Stahlindustrie zwar mit drastischen Kostenentwicklungen für Energie und Ressourcen zu kämpfen, gleichzeitig sei aber die Nachfrage stabil. Als Verbund mittelständischer Unternehmen habe sich Georgsmarienhütte unabhängig am Standort Deutschland behaupten können und zeige nur da globale Präsenz, wo der Kunde es fordere. Als sinnvoll habe sich das Engagement in Europa erwiesen, so dass sein Unternehmen heute an 51 Standorten in Europa und mit zehn Auslandsniederlassungen vertreten sei. Georgsmarienhütte produziere in Deutschland für seine deutschen Kunden, betonte van Hüllen. „Wir produzieren in Deutschland und liefern in Europa, wollen aber unsere Kunden auch weltweit beliefern können“. Am Vorbild der Star Alliance der Lufthansa habe sein Unternehmen eine „Steel Alliance“ gebildet, die es Georgsmarienhütte erlaube, auch global agieren zu können. In den letzten zehn Jahren habe man die Produktivität mehr als verdoppeln können. Weitere Ziele seien die bestandslose Fabrik sowie Marktanteile von 15 bis 25 Prozent in den Produktbereichen sowie eine Rendite von fünf Prozent über dem Konjunkturzyklus. „Wir sind ein Multi-Nischen-Spieler und nur dann international, wenn wir es müssen und wenn es ertragreich ist“, stellte van Hüllen abschließend fest.

Erfolgsfaktor Logistik
Die Bedeutung von Netzwerken zwischen Stahlindustrie, Verarbeitern und Anwendern betonte der Vorsitzende der Geschäftsführung von Wälzholz, Dr.-Ing. Hans-Toni Junius. Er erinnerte an die wichtige Rolle der deutschen mittelständischen Stahlverarbeiter als Technologie- und Innovationstreiber. In der Werkstoffentwicklung seien über 200 Produkte erst wenige Jahre eingeführt. „Aber unsere Kunden sind anspruchsvoll und erwarten auch eine intensive Werkstoffentwicklung von uns“, sagte Junius. Eine große Innovationsdynamik komme insbesondere aus der Autozulieferindustrie. Um erfolgreich in der Forschung voranzukommen, setze sein Unternehmen auf die Zusammenarbeit mit externer Forschungseinrichtung und mit den Anwendungs- und Prozesstechnikern der Lieferanten. Neben dem hohen Innovationsdruck verwies Junius auf immer höhere Logistikanforderungen, da die Werkstoffe schnell verfügbar sein müssten und Sicherheitsbestände zu kostspielig seien. „Logistik ist entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen“, betonte der Wälzholz-Chef. Die Kunden erwarteten Lieferzeiten von 14 Tage bis sechs Wochen. Dies erfordere eine hohe Flexibilität in den Prozessen. Da die Stahlhersteller sechs bis acht Wochen Lieferzeiten hätten, entstünde ein Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten der Hersteller und den Lieferanforderungen der Kunden. Dieses Spannungsverhältnis sei die Chance für mittelständische verarbeitende Unternehmen, da sie hier als Mittler zwischen Kundenerwartung und Lieferanten agieren könnten. Kritisch beurteilte Junius die Preispolitik der Stahlhersteller. Die Kaltwalzindustrie könne die Preissprünge nicht immer an die Kunden weitergeben und habe hier mit großen Kostenrisiken zu kämpfen.

Energieversorgung wird zum Risikofaktor
Ein leidenschaftliches Plädoyer gegen die Kosten- und Zukunftsrisiken durch die deutsche Energiepolitik für die energieintensiven Industrie hielt der frühere Vorsitzende des Vorstandes der Norddeutschen Affinerie, Dr.-Ing. Werner Marnette. Angesichts des globalen Wirtschaftswachstums verschärfe sich der Wettbewerb um Energie. Durch die frühzeitigen Bemühungen um Energieeffizienz habe sich Deutschland zwar etwas von der allgemeinen Kopplung zwischen Energieverbrauch und Wirtschaftswachstum absetzen können, aber die Energieversorgung werde weltweit zu einem Risikofaktor. „Energiepolitik ist Standortpolitik“, betonte Marnette und beklagte die Aufteilung der Zuständigkeiten an das Umwelt- und das Wirtschaftsministerium. „Die deutsche Energiepolitik ist ideologisch bestimmt“ und gefährde allein in der Metallindustrie bis zu 100.000 Arbeitsplätze. Deutlich bekannte sich Marnette zum Umweltschutz und zum Ausbau erneuerbarer Energien, allerdings müsste deren Förderung in einem richtigen Verhältnis stehen. „Der Ausstieg aus der Kernenergie ist nicht gut“, sagte er und beklagte weiter den mangelnden Wettbewerb auf dem Energiemarkt, die hohen Energiekosten und die Preissteigerungen durch den Emissionshandel. Dramatisch beschrieb er die Folgen der stark abnehmenden Kraftwerkskapazitäten. Der Ausstieg aus der Kernenergie sowie hohe Klimaschutzziele gefährdeten die dringend notwendigen Kraftwerksinvestitionen. „Die Klimapolitik der EU und der Bundesregierung ignoriert das Kosten- und Nutzenverhältnis“, so Marnette. Global gesehen sei der Beitrag der deutschen Minderungsbemühungen erschreckend gering und stünde in keinem Verhältnis zu den Risiken für die gesamte deutsche Industrie. „Es lohnt sich neue Technologien zu entwickeln, aber wir müssen aufpassen, nicht unsere Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren“, so Marnette weiter. Er erinnerte auch an die langen Planungshorizonte von bis zu zwölf Jahren, die ein Kraftwerksbau heute habe und durch die Versorgungssicherheit schon bald gefährdet sein könnte. Durch staatliche Eingriffe wie durch die Steuererhöhungen auf Energie hätte sich die Strompreisentwicklung in Deutschland von den Erzeugungskosten abgekoppelt. Bei den Stromkosten sei Deutschland international schon heute nicht mehr wettbewerbsfähig. „Energieversorgung ist eine der Schlüsselfragen des 21. Jahrhunderts“, betonte Marnette. Der Energiemix werde und müsse sich verschieben, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Die geopolitischen Versorgungsrisiken müssten berücksichtigt werden und die unverhältnismäßige Subventionierung der erneuerbaren Energien beendet werden. Die Staatsquote von 40 Prozent auf Energie müsse abgesenkt werden und Doppelbelastungen wie Emissionshandel und Ökosteuer abgeschafft werden, forderte er.

Umwelttechnologie immer begehrter
Den Beitrag, den Anlagenbauer zur Energie- und Ressourceneffizienz der Stahlindustrie leisten können, betonte Burkhard Dahmen, Mitglied des Vorstandes der SMS Demag AG. In den letzten 45 Jahren hätte SMS Demag den Energieeinsatz zur Walzstahlfertigung um 55 Prozent senken können und seit 1990 sei der CO2-Ausstoß um 26 Prozent durch neue Verfahrenstechniken reduziert worden, sagte er. Der Wassereinsatz sei sogar um 70 Prozent in den letzten Jahrzehnten minimiert worden. Der weitere Spielraum für Technologiesprünge werde zwar immer flacher, ökonomische, ökologische und rechtliche Vorgaben zwängen zu immer weiteren Optimierungen. Verbesserungspotenziale bestünden vor allem in der Rückführung und im prozessinternen Recycling der anfallenden Nebenprodukte. Dieser Ansatz ermögliche die Einsparung von Ressourcen und vermeide Entsorgungskosten. Die Nachfrage nach Umwelttechnologien nähme auch in den Schwellenländern immer weiter zu. Rund 1,5 Milliarden Euro werde hier in nächster Zeit für die Luftreinhaltung, Lärmvermeidung und Energieeffizienz investiert. Die hohe Nachfrage in Westeuropa, Japan und in den USA sei zurzeit auch durch gesetzliche Auflagen bestimmt. Bis 2015 erwarte SMS einen Zuwachs des Marktes um 80 Prozent. Die Kunden suchten nach integrierten Lösungen über den gesamten Prozess hinweg und erkennen immer stärker, dass Umweltschutz und Kosteneinsparungen Hand in Hand gehen könnten. Dahmen betonte weiter, wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Kunden sei, um innovative Prozesstechniken auch in der Praxis umsetzen zu können.

Mitarbeiter als Wettbewerbsfaktor
Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung erläuterte der Salzgitter-Vorstand, Peter-Jürgen Schneider, das unternehmensinterne Projekt „GO-Generationen Offensive“, mit dem Salzgitter ihren Nachwuchs sichern will. Mit einem dramatischen Rückgang junger Mitarbeiter rechne Salzgitter für ihre Ausbildungsberufe. Da der Anteil der Studienberechtigungen in den nächsten Jahren zunehmen werde, seien die Probleme bei den Führungskräften anderer Art. Um aber schon frühzeitig junge Menschen für den Werkstoff Stahl zu begeistern und die Entwicklungsmöglichkeiten aufzuzeigen, setze Salzgitter verstärkt auf Schulpartnerschaften und Praktika. Darüber hinaus nutze man Absolventen-Messen, Kooperationen mit Hochschulen und setzte auf ein duales Schulsystem: „Unsere Wettbewerbsfähigkeit wird auch durch die Ausbildung unsere Mitarbeiter gewährleistet“, so Schneider. Welche Anstrengungen die Wissenschaft selbst unternimmt, um den akademischen Nachwuchs zu fördern und wissenschaftliche Erkenntnis in Produkte umzusetzen, erläuterte zum Abschluss der Handelsblatt Jahrestagung der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Prof. Dr.-Ing. Matthias Kleiner. Er verwies auf die Wechselwirkung zwischen Energie und Wissen. Deutschland sei führend in der Produktivität gemessen an einem Barrel Öl. Eine hohe Energieeffizienz sei gleichbedeutend mit einer hohen Kosteneffizienz, betonte er. Mit einem Jahresbudget von zwei Milliarden Euro und einer starken Nachwuchsförderung unterstütze die Deutsche Forschungsgemeinschaft den Innovationsstandort Deutschland.

Pressefotos zur Veranstaltung finden Sie im Internet unter:
www.konferenz.de/fotos-stahlo08-pr

Kontakt:

Dr. phil. Nadja Thomas
Senior-Presse-Referentin
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