Berlin, Juli 2008. „Der Weltmarkt für Agrarprodukte ist im Umbruch“, stellte der ehemalige EU-Landwirtschafts-Kommissar und heutige Vorsitzende des Ökosozialen Forums Europa, Dr. Franz Fischler, zum Auftakt der Handelsblatt Konferenz „Agrarwirtschaft“ (9. und 10. Juni 2008, Berlin) fest. Nur wenige Tage nach dem Ende des deutschen Milch-Boykotts und den „wenig berauschenden Ergebnissen des UN-Ernährungsgipfels“ in Rom diskutierten rund achtzig Agrar-Experten über die aktuellen Herausforderungen in der Lebensmittelproduktion. „Agrar-Rohstoffe sind in einem ungekannten Ausmaß zum Spekulationsobjekt geworden und die Segmentierung der Lebensmittel schreitet immer weiter fort“, sagte Fischler. Lösungsansätze für die aktuellen Probleme auf den Commodity-Märkten sowie für die veränderten Ertragsperspektiven durch die zunehmende Globalisierung und die seit 2003 in Europa eingeleitete Agrarreform bestimmten die Diskussionen und Beiträge der Konferenz.
Prof. Dr. Stefan Tangermann, Direktor für Handel und Landwirtschaft der OECD, verwies zunächst auf die Preis-Entwicklung der letzten 100 Jahre an den internationalen Getreidemärkten. Inflationsbereinigt seien die Preise gefallen und tendenziell hinter der allgemeinen Preisentwicklung zurückgeblieben. Er begründete diese Entwicklung mit den hohen Produktionssteigerungen im Vergleich zur Nachfrage. Angesichts der hohen Preissteigerungen seit 2007 erinnerte Tangermann an einen ähnlichen „Schluckauf“ an den internationalen Getreidemärkten vor 35 Jahren. Ähnlich wie heute sei die als „Welternährungskrise“ bezeichnete Situation in den 70iger Jahren zusammengefallen mit einem dramatischen Anstieg der Ölpreise. Geschichte wiederhole sich zwar nicht und der Getreidepreis sei inflationsbereinigt 1973 noch höher als heute gewesen. Tangermann erinnerte auch an die bereits seit sieben Jahren andauernde Dürre in Australien und die daraus resultierenden „historisch niedrigen Lagerbestände“. „Wann immer diese Lagerschwelle unterschritten wird, geht die Preis-Rallye los“, so der OECD-Direktor. Die aktuelle Preis-Hausse werde aber nicht nur durch Spekulationen getrieben, sondern auch durch panische Reaktionen der Marktteilnehmer und Politiker. Es habe deutliche Verschiebungen der Relationen gegeben zwischen denjenigen, die mit der Ware umgehen und denen, die hedgen und ein Anlageprodukt suchten. In den letzten drei Jahren seien Agrarprodukte stark in den Fokus von Anlegern gerückt und „seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Herbst 2007 beeinflussen diese mit Sicherheit das Marktgeschehen“. Aber auch die Regierungen reagierten panisch mit Export- und Importbarrieren und trieben so die Panik der Markteilnehmer weiter an. Gründe für die Preisexplosionen seien auch im schwachen US-Dollar zu suchen, der die Ölpreise weiter anheize. Da die Agrarproduktion ein energie- und transportaufwendiges Geschäft sei, treibe der hohe Ölpreis die Agrar-Kosten weiter an.
Energiepflanzen führen zu immer höheren Preisen
Für die nächsten zehn Jahre prognostizierte Tangermann einen weiteren Preisanstieg bei Getreide um zwanzig bis dreißig Prozent. Je nach Produkt seien Steigerungen zwischen zehn und fünfzig Prozent möglich. „Die Schwellenländer sind aber nicht verantwortlich und werden im Gegenteil langfristig bremsend wirken“, betonte er. Als viel entscheidender bewertete der OECD-Direktor den Einfluss des Ausbaus von Energiepflanzen auf die künftige Preisentwicklung. Sollte die Menge des produzierten Biosprits bis 2017 nur auf dem Niveau von 2007 bleiben, so sei bereits ein Preisanstieg bei Weizen um sechs Prozent, bei Mais um 13 Prozent und bei pflanzlichen Ölen um 15 Prozent zu erwarten. Preisdämpfend könne allerdings eine Produktionserweiterung wirken.
Während die Produzenten von der Preisentwicklung profitieren könnten, würden die Entwicklungsländer dramatisch unter den hohen Preisen leiden, führte Tangermann weiter aus. Da die Landwirte in Entwicklungsländern Netto-Verbraucher und keine Produzenten seien, werde die Zahlungsbilanz der Entwicklungsländer durch die steigenden Preise weiter belastet. Besonders die Regierungen und Marktteilnehmer könnten helfen, die aktuellen Preisblasen platzen zu lassen, indem sie die Märkte beruhigten. Bei Mais sei die Blase schon geplatzt und durch die Aufhebung von Export-Stops in den asiatischen Ländern würden die Preise bei Reis bereits langsam nachgeben. Den Entwicklungsländern könnte durch Zahlungshilfen geholfen werden, die aktuelle Preiskrise zu bewältigen. Nachhaltig könnten die Regierungen auf die Preis-Hausse einwirken, wenn sie ihre Biosprit-Förderungen aufgeben würden, sagte Tangermann weiter. Ohne die Biosprit-Produktion würden schnell wieder Produkte und Flächen verfügbar. Dies belegte Tangermann mit den Marktbilanz-Veränderungen von 2005 bis 2007 für Getreide. Die Getreideproduktion sei in diesem Zeitraum um drei Prozent auf 46 Millionen Tonnen gestiegen. Der Verbrauch stieg allerdings auf 80 Millionen Tonnen an, wovon 47 Millionen Tonnen auf Biosprit-Getreide entfallen seien.
„Lasst uns die Märkte für Agrarprodukte öffnen und Subventionen abbauen, um Angebot und Nachfrage ins Gleichgewicht zu bringen“, forderte Tangermann weiter. Da der Markt die Preise besser regulieren könne als die Politik, wünschte er sich einen ambitionierten Abschluss der DOHA-Runde mit einer Abschaffung von Import- und Exportbarrieren. Die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern müsse durch Entwicklungshilfe gezielt weiter ausgebaut und die Absenkung der Hilfen von seinerzeit 30 Prozent auf heute drei Prozent wieder rückgängig gemacht werden. Mit Bedauern stellte Tangermann einen weiteren Stillstand in den WTO-Verhandlungen fest. Zwar sei in der Uruguay-Runde ein neues Agrar-Abkommen gefunden worden, nun aber stockten die Verhandlungen an den Zöllen für Industrieprodukte. „Die aktuelle Situation auf den internationalen Agrarmärkten ist zum Teil eine Blase, aber die langfristige Faktoren verlangen Reaktionen von der Politik bei ihren Entscheidungen zum Biosprit und bei der Öffnung der internationalen Märkte in den WTO-Verhandlungen“, stellte der OECD-Direktor abschließend fest.
Wettbewerb fördert Preisvolatilität
Die veränderten Rahmenbedingungen für die europäische Landwirtschaft durch die Globalisierung, den Klimawandel, die Bio-Energie und die Gentechnik mit der daraus folgenden Anpassung bei der EU-Agrar-Reform stellte im weiteren Prof. Dr. Klaus-Dieter Borchardt, stellvertretender Kabinettschef der EU-Landwirtschafts-Kommissarin Mariann Fischer Boel, vor. Der Abbau protektionistischer Handelsregelungen im Rahmen von multi- und bilateralen Übereinkommen und das Entstehen neuer Wirtschaftsmächte habe den internationalen Wettbewerbsdruck deutlich erhöht und so die Markt- und Preisvolatilität verstärkt. Der höhere Konkurrenzdruck zwinge die europäische Landwirtschaft einerseits zum Ausbau ihrer Wettbewerbsfähigkeit und andererseits zu Kompensation interner Verluste durch externe Marktchancen. Chancen ergäben sich besonders durch höhere Qualitäten, für die es eine immer größere Nachfrage gäbe. Da die internationale Handelsliberalisierung zu mehr Preisvolatilität führe, müsse es auch politische Absicherungsmechanismen geben.
Ohne Biosprit können EU-Klimaziele nicht eingehalten werden
Bezogen auf die Rolle des Klimawandels stellte Borchardt fest: „Die EU-Agrarwirtschaft ist Teil des Problems und Teil der Lösung“. Die Agrarwirtschaft trage durch die Abholzung von Wäldern und intensiver Tierproduktion negativ zum Klimawandel bei. Gleichzeitig sei sie durch klimabedingte Ertragsausfälle auch Betroffene. Als Hauptnutzer der natürlichen Ressourcen könne die Landwirtschaft aber viel für die Biodiversität, für die Erhaltung von Flächen als Kohlenstoff-Speicher und für sauberes Wasser tun. Borchardt widersprach der negativen Einschätzung von Prof. Tangermann in Bezug auf Energiepflanzen. Die EU-Kommission habe in ihrem Energie- und Klimapaket festgelegt, bis 2020 den Energieverbrauch zu zwanzig Prozent über erneuerbare Energien zu decken und den Anteil von Biosprit am Treibstoff auf zehn Prozent zu erhöhen. „Aus Sicht der Kommission besteht kein Grund an den verbindlichen Zielen festzuhalten und die Agrarwirtschaft muss ihren Beitrag leisten“, betonte er. Ohne die Biosprit-Produktion seien die Klimaziele zu erreichen. Wegen der verbindlichen Ziele habe die Kommission die Subventionen von 45 Euro pro Hektar gestrichen. „International kann man die Ergebnisse der OECD nicht bestreiten, aber in Europa stellt sich die Situation etwas anders dar“, gab der stellvertretende Kabinettschef zu bedenken. Nur ein Prozent der europäischen Flächen würden für die Verspritung genutzt und durch die Abschaffung der Flächenstilllegungs-Prämien würden viele Flächen reaktiviert. Besondere in Rumänien und Bulgarien gäbe es noch viele landwirtschaftliche Potenziale auszuschöpfen, betonte er. An den Ausführungen von Prof. Tangermann kritisierte Borchardt auch den fehlenden Ausblick auf die zweite Generation von Energiepflanzen, die vollständig verwertet werden könnten. Ziel der EU sei es, die Dauer des Einsatzes von Energiepflanzen der ersten Generation zu verkürzen. Das Zehn Prozent-Ziel der EU schließe zwar den Import von Energiepflanzen ein, allerdings dränge die EU hier auf eine Zertifizierung, um umweltvernichtende Produktionen auszuschließen.
Genfrage drängt nach Lösungen
„Wir können uns von fünfzig Prozent unserer Einfuhren verabschieden, wenn es uns nicht bald gelingt eine Lösung für gentechnisch veränderte Importe zu finden“, stellte Borchardt mit Blick auf die grüne Gentechnik fest. Dazu müsse klar zwischen der Einfuhr von Futtermitteln und der Forschung einerseits und dem Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen unterschieden werden. „Es besteht kein hinreichender Grund, sich von der Einfuhr von Futtermitteln und der Forschung abzukoppeln“, sagte er. Borchardt plädierte für eine Aufhebung der Nulltoleranz bei der Einfuhr von Futtermitteln, da es auf Sicht keine Exporteure geben werde, die das Risiko einer Verunreinigung mit in der EU nicht genehmigten GVOs zu tragen bereit seien. Auch die Genehmigungsverfahren in der EU müssten beschleunigt werden, um nicht hinter den technologischen Fortschritt in den USA, Brasilien und Argentinien zurückzufallen. Die Genehmigungspraxis müsse sich ausschließlich wissenschaftlich und nicht politisch oder emotional ausrichten. Borchardt sprach sich für flexible, technisch nicht vermeidbare Grenzen aus und kritisierte die oft ideologisch geführte Diskussion.
Angesichts der internationalen Herausforderungen sprach sich Borchardt auch für eine Fortsetzung der „Gemeinsamen Agrarpolitik in Europa“ (GAP) aus. Ein Renationalismus sei nicht wünschenswert und führe die europäischen Landwirte nicht in die Zukunft. „Damit GAP erfolgreich sein kann, müssen alle Mitglieder die richtige Mischung aus Markt, Direktzahlungen und gezielten Einsatz der Mittel für die ländliche Entwicklung finden“, betonte er. Die Instrumente seien bekannt und müssten weiter entwickelt werden, um die Produktivität der Betrieb zu erhöhen. Dazu gehöre auch das Ende der Milchquote 2013.
Agrarpolitik nicht neu erfinden
Eine positive Bilanz über gemeinsame Anstrengungen für eine europäische Agrarpolitik zog die parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Ursula Heinen. Mit dem am 20. Mai vorgelegtem Health Check der EU-Kommission solle die Agrarpolitik nicht neu erfunden werden, sondern die Unwuchten aus der Reform von 2003 beseitigt werden. Ziel der „Gesundheitsüberprüfung“ sei es, den Landwirten einen verlässlichen Rahmen zu geben und Bürokratien abzubauen beziehungsweise zu vereinfachen. Darüber hinaus solle die Vielfalt der landwirtschaftlichen Betriebe in ihren Größenordnungen und Bewirtschaftungsformen erhalten bleiben. Vor dem Hintergrund der WTO-Verhandlungen solle der Health-Check auch die europäischen Produktionsanforderungen international verankern, um Verbraucher-, Tier- und Umweltschutzmassnahmen voranzubringen und damit einhergehende Wettbewerbsverzerrungen abzubauen.
Die weitere Entkopplung der Direktzahlungen in allen Mitgliedstaaten bewertete Heinen positiv, da so die europäischen Märkte weiter angeglichen werden könnten und Wettbewerbsverzerrungen zwischen weitgehend entkoppelten und weniger entkoppelten Märkten abgeschafft würden. Die Staatssekretärin befürwortete auch die Möglichkeit, die Direktzahlungen in Richtung einheitlicher Hektarprämienrechte weiterzuentwickeln. Angesichts der aktuellen Marktentwicklung begrüße die Bundesregierung die Abschaffung der obligatorischen Flächenstillung, durch die rund zehn Millionen Tonnen mehr Getreide in der EU erzeugt werden können. Richtig sei auch die Überprüfung der Beihilfen für Energiepflanzen, da sich in Deutschland bereits bessere Instrumente zur Förderung nachwachsender Rohstoffe durchgesetzt hätten. Auch die weitere Rücknahme von Marktpreisstützungen sei angesichts der aktuellen Marktentwicklungen sinnvoll. Es dürfe aber nicht übersehen werden, dass mit der Marktliberalisierung auch die Risiken von Ernteschwankungen weiter zunehmen. So sprach sich Heinen zumindest für einzelne Marktbereiche für eine weitere Sicherheitsnetzarchitektur aus, um Landwirte vor unvorhersehbaren Produktionsrisiken zu schützen. Die Absicherung von Preisrisiken läge zukünftig allerdings bei den Landwirten selbst.
Nachbesserungsbedarf am Health-Check
Nachbesserungsbedarf machte die Staatsekretärin bei der sogenannten Cross-Compliance fest. Hier müsse Bürokratie abgebaut werden. Die Flexibilität der Bauern dürfe durch neue Auflagen nicht weiter beschränkt werden. Problematisch sei auch die geplante Kürzung der Direktzahlungen bei Großbetrieben. Die Vorschläge der EU belasteten die deutschen Betriebe mit insgesamt 425 Millionen Euro und gefährdeten die Existenz zahlreicher Betriebe in strukturschwachen Gebieten.
Bezogen auf das Auslaufen der Milchquote in 2013 forderte Heinen ein Begleitprogramm, um die Milchbauern bei den notwendigen strukturellen Anpassungsprozessen zu unterstützen. „Eine Marktliberalisierung ohne begleitende Maßnahmen halten wir für aussichtslos und nicht vermittelbar“, betonte sie.
Für die Zeit nach 2013 zeigte sich Heinen optimistisch, dass die europäische Landwirtschaft auf den liberalisierten Märkten bestehen könne. Die hohen Standards müssten dazu weiter eingehalten werden und neben dem privaten Risikomanagement auch ein Sicherheitssystem für extreme Marktrisiken aufgebaut werden. Die Diskussion über die Ausgestaltung des Finanzrahmens für die weitere europäische Agrarpolitik erwartete sie allerdings erst 2009, wenn sich die neue EU-Kommission formiert habe.
Rückzug der Politik führt zu unternehmerischen Strukturen
Auch der Präsident des deutschen Raiffeisenverbandes, Manfred Nüssel, bewertete die 2003 eingeleitete Agrarreform als einen Erfolg. Der Rückzug der Politik aus der Landwirtschaft habe bereits zu unternehmerischen Strukturen geführt und löse langsam die veraltete, subventionierte Agrarwirtschaft ab. In Bezug auf die bereits von Heinen kritisierte progressive Modulation verwies Nüssel auf die erheblichen Auswirkungen dieser Regelungen für genossenschaftliche Betriebe. Es gäbe keinen wissenschaftlich nachvollziehbaren Grund, die Direktzahlungen von der Betriebsgröße abhängig zu machen. Darum sei diese Regelung auf ihre Effektivität hin zu überprüfen.
Angesichts des jüngsten Milch-Boykotts und der Entwicklung der Milchpreise in den letzten 12 Monaten stellte Nüssel fest: „Die Botschaft heißt mehr Markt“. Die Unternehmen müssten mehr Verantwortung für die Preise übernehmen und die Fähigkeit erwerben, sich flexibler der Nachfrage anzupassen. Die verstärkte Strukturdynamik zeige, dass es großen Unternehmen leichter gelinge, die Preise zu stabilisieren. Überangebote müssten in Zukunft selbst geregelt werden. Nüssel sprach sich auch gegen die geforderte Verschärfung des Kartellrechtes aus: „Wir brauchen Strukturveränderungen in den Molkereien und in der Produktion und müssen den biologischen und technischen Fortschritt stärker für uns nutzen“, betonte der Raiffeisen-Präsident. „Unternehmerisches Denken ist in der Landwirtschaft so gefragt wie nie.“ Auch das Interesse von Spekulanten an Agrarprodukten bewertete Nüssel positiv. Börsen lebten von Preisschwankungen und darauf müsse sich die Landwirtschaft einstellen. Die wettbewerbsorientierte Ausrichtung fordere ein besseres Risikomanagement angesichts volatiler Preise und es müsse gelingen, ein marktadäquates Netz zu schaffen, um Handel und Produktion abzusichern.
Milchwirtschaft kommt ohne Stützungsmassnahmen aus
Die notwendigen Anpassungen an marktwirtschaftliche Regeln in der Milchwirtschaft betonte auch Martin Mischel, Vertriebs- und Marketing-Vorstand der Nordmilch AG. Das Milchanlieferungsvolumen in der EU-27 habe 2007 132.478,2 Tausend Tonnen betragen, 27.532,5 Tausend Tonnen entfielen dabei auf Deutschland. Rund 49 Prozent wurden in Käse verarbeitet, 25 Prozent in Konsummilch und 12 Prozent in Milchpulver. Den Wegfall fast aller Marktstützungsmassnahmen beurteile Mischel positiv. Die früheren Marktregulierungen hätten zu sehr geringen Preisschwankungen und geglätteten Märkten geführt und die notwendigen Strukturanpassungen unterdrückt. Die Milchgarantiemengen-Regelungen erschwerten das Betriebswachstum auf der Erzeugerseite und Export-Erstattungen verfälschten die Wettbewerbssituation. Rohstoffknappheiten seien bis einschließlich 2006 durch EU-Bestände ausgeglichen worden und auch bei saisonalen Rohstoff-Höchstanlieferungen hätte es keine Absatzschwierigkeiten gegeben. Zudem hätten reine Interventionsbetriebe eine strukturierte und zukunftsgerichtete Marktbearbeitung eingeschränkt.
Perspektivisch würden alle Marktregulierungen wegfallen und es stelle sich angesichts bereits jetzt auftretender Probleme die Frage, inwieweit eine „weiche Landung“ für die Milchproduzenten möglich sei. Bereits das Jahr 2007 habe gezeigt, dass die Märkte anders reagierten als erwartet. Das Nachfragewachstum sei unterschätzt worden und durch die bereinigten Lagerbestände hätte auch nicht marktregulierend eingegriffen werden können. So habe sich bereits 2007 eine Abkopplung von Marktregulierungsmaßnahmen gezeigt. Da viele Industrieanwender wegen der hohen Milchpreise in der Zwischenzeit auf Pflanzenfett umgestiegen seien und das Milchangebot wieder höher sei, befänden sich die Butter- und Magermilchpulver-Preise jetzt auf einem historischen Tiefstand bei gleichzeitig historisch hohen Erzeugungskosten. „Die EU zieht sich zurück und langfristig werden Milchprodukte teurer sein und stärkeren Schwankungen unterworfen sein“, so Mischel. 2007 habe man die stärkere Vernetzung der internationalen Märkte und die Wirkungsweise von Menge und Preis bereits beobachten können. Dies bedeute für die Molkereien eine höhere Eigenverantwortung im Wettbewerb um den Rohstoff Milch und zöge auf der Erzeugerseite Strukturanpassungen nach sich. Bereits im letzten Jahr hätten die Molkereien mit „Molkerei-Hopping“ ihrer Milch-Bauern zu kämpfen gehabt und gelernt, dass „die Auszahlung von heute den Rohstoffe für morgen sichert“. Der Wettbewerb habe aber nicht nur unter deutschen Molkereien bereits begonnen, sondern auch der internationale Wettbewerb mache sich immer deutlicher bemerkbar. Die Molkereien seien vielfach auf diese neuen Strukturen noch nicht eingestellt, obwohl ihre Erzeuger eine sichere Vermarktungsbasis benötigten.
Unternehmerisches Denken in der Milchwirtschaft
Die Chancen der neuen Marktsituation könnten genutzt werden, wenn Steuerungsmechanismen für die saisonalen Mengenveränderungen geschaffen und Flexibilität in der Produktion und in der Vermarktung eingeführt würden. Lösungen müssten nicht politisch, sondern unternehmerisch gefunden werden, betonte der Nordmilch-Vorstand. Die Milchbetriebe müssten sich von Monoprodukten verabschieden und Kundenbindungskonzepte entwickeln. Darüber hinaus seien effizientere Werk- und Logistikstrukturen notwendig und eine enge Zusammenarbeit von Landwirten und Molkerein. Auch eine stärkere Internationalisierung und ein Ausbau der Vermarktungsstärke seien unter den neuen Rahmenbedingungen notwendig.
Nordmilch habe sich bereits an die neuen Bedingungen durch die Gründung einer Aktiengesellschaft, die im Besitz der Landwirte sei, erfolgreich neu positionieren können. Insgesamt seien 9000 Landwirte und elf Molkereien für Nordmilch aktiv. Das Unternehmen habe in seine Marken „Milram“ und „Oldenburger“ investiert und die Rohstoffanlieferung durch einen festen Preis gesichert. Das internationale Geschäft mache bereits 36 Prozent am Umsatz aus und solle auf 40 Prozent ausgebaut werden. Der Milchboykott der letzten Woche hätte sein Unternehmen darin bestätigt, dass man durch strukturelle Anpassungen der marktwirtschaftlichen Entwicklung vorangehen könne, schloss Mischel.
Getreideknappheit
Die Auswirkungen der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf die Müllereien beschrieb der Präsident des Mühlenverbandes und Vorstandsvorsitzende der größten deutschen Müllerei, Kampffmeyer Mühlen AG, Rolf Brack. „Die Mühlen sind in einer Sandwich-Position in der Wertschöpfungskette“, stellte er zunächst fest. Einerseits bestimmte die Politik das Geschäft, andererseits müssten die Mühlen mit dem Einzelhandel konkurrieren. Brack erinnerte an die Strukturentwicklung in den landwirtschaftlichen Betrieben durch die Abschmelzung der über 6000 Betriebe auf 370. Gleichzeitig habe sich die bewirtschaftete Fläche verdoppelt. Auch die Anzahl der Bäckereien habe sich von 31000 auf 15000 verringert. Die Anzahl der Mühlen sank von rund 1500 1960 auf 317 Mühlen. Dabei sei die Jahresvermahlung von etwa 5000 Tonnen auf knapp 25 Millionen Tonnen angewachsen. Die jährliche Gesamtproduktion von 6,2 Millionen Tonnen entspreche etwa 8,3 Milliarden Ein-Kilogramm-Broten.
Wegen der schon seit Jahren anhaltenden niedrigen Getreideproduktion bei gleichzeitig hohem Mehrverbrauch, litten die Mühlen schon länger unter den niedrigen Lagerbeständen. In den letzten zwei Jahren sei der Getreidepreis um 150 Prozent gestiegen. Die aktuellen Marktgegebenheiten seien die größte Gefahr für die Mühlen. Darum begrüßte Brack die angestrebte Abschaffung der Flächenstilllegungen. Für Energiepflanzen der zweiten Generation könnten so auch minderwertigere Flächen genutzt werden. Deutlich sprach sich der Mühlen-Präsident aber gegen die Fortsetzung der Energiepflanzenprämie aus. Eine extreme Verdopplung der Anbauflächen für Energiepflanzen wirke extrem preistreibend. Durch einen extremen Ausbau von Bioethanol-Anlagen könne Deutschland nicht länger Getreide-Selbstversorger bleiben und werde von Importen abhängig, mahnte Brack. Auch die Getreideinterventionen müssten komplett abgeschafft werden, damit Preissicherungsinstrumente wie Terminbörsen funktionieren könnten. Die Überprüfung der Direktzahlungen begrüßte Brack ebenfalls, da so Überkompensationen vermieden werden können.
Bioenergie und Gentechnik-Gesetze gefährden die deutsche Fleischwirtschaft
Eine Gefahr für die Nahrungswirtschaft und besonders für die deutsche Fleischwirtschaft durch den Ausbau von Bioenergie beklagte auch die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Fleischwirtschaft, Dr. Heike Harstick. Bioenergie habe Ackerflächen stark verteuert. Harstick widersprach auch Staatsekretärin Heinen, dass nur ein geringer Prozentsatz an Flächen in Europa für Biopflanzen verwendet würde. Vielmehr würden bereits zehn Prozent der Flächen für Bioenergie verwendet, die so für Futtermittel verlorengehen. Auch die Verbraucher-, Tier- und Umweltschutzbestimmungen verschlechterten die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Fleischproduzenten erheblich. Die GVO-Zulassungen und die Nulltoleranz für gentechnisch veränderte Futtermittel träfe die Fleischbranche hart. Wenn die EU hier nicht schnell zu einer Lösung finde, gäbe es schon bald keine Fleischveredelung mehr. Die Fleischwirtschaft hoffe zudem, dass schon bald tierische Proteine wieder für die Verfütterung zugelassen werden, sagte Harstick weiter.
Da schon länger keine Tierprämien in der EU gezahlt würden, sei die Fleischwirtschaft durch den Health Check nicht so stark betroffen. Die Milchmarktordnung wirke sich allerdings stark auf den Kälber-Markt aus, so dass die Fleischindustrie indirekt betroffen sei. Die Abschaffung der Flächenstilllegungs-Prämie begrüßte Harstick ebenfalls, da so mehr Futtermittel angebaut werden könnten. „Eine immer größere Rolle spielt für die Fleischwirtschaft der Außenhandel“, sagte Harstick weiter. Der Export innerhalb der EU wachse ständig, allerdings sei der Handel mit Drittländern durch die unterschiedlichsten Handelshemmnisse weiterhin schwierig.
Eine abschließende Bilanz über den Status quo marktwirtschaftlicher Strukturen in der Agrarwirtschaft zog am Ende des ersten Konferenz-Tages Andreas Schüren (Rölfs-Partner Management Consultants). „In der deutschen Landwirtschaft haben wir in Bezug auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit noch Nachholbedarf und dies wird sich durch die osteuropäischen und asiatischen Wettbewerber noch verstärken“, stellte Schüren fest. Einen Wettbewerbsvorteil hätten deutsche Unternehmen durch ihre hohen Qualitäten, die auch immer stärker nachgefragt würden. Allerdings holten hier die Wettbewerber auf. Newcomer würden in der Branche oft unterschätzt und es sei nur noch eine Frage der Zeit bis sich international agierende Agrar-Unternehmen auch auf dem deutschen Markt einkaufen werden, warnte der Agrar-Berater. Ingesamt beurteilte Schüren die Deregulierungs-Maßnahmen als Chance für die Betriebe. Ein Problem sei allerdings die oft widersprüchliche Eigentumsstruktur wie beispielsweise zwischen Milchbauern und Molkereien. Im Agrarhandel hemme das zweistufige Handelssystem die Entwicklung effizienterer Strukturen. Die Landwirte müssten ihre Prozesse professionalisieren, deutlich stärker in neue Geschäftsfelder investieren, sich zu größeren Einheiten verbinden und sich internationalisieren, mahnte Schüren. „Auf der operativen Ebene gilt es Kosten und Effizienz in den Griff zu bekommen“, so der Berater weiter. Innovationsprozesse müssten vorangetrieben werden, da die Entwicklung neuer Produkte die Basis des Ertragswachstums sei. Wie seine Vorredner betonte auch Schüren die Notwendigkeit des Aufbaus eines funktionierenden Risikomanagements.
„Die Diskussionen und Beiträge haben gezeigt, wie viel Know-how in der Nahrungsmittelindustrie benötigt wird“, stellte Franz Fischler zum Ende der Tagung fest. „Wir haben es mit einem Nachfragemarkt zu tun und darauf haben sich die Marktteilnehmer einzustellen“. Rolf Brack betonte: „Die Bauern habe jahrelang am Markt vorbei produziert und sich zu wenig auf die Verbraucher eingestellt“. Nun produziere man endlich für den Verbraucher und nicht mehr für die Politik. Andreas Schüren wies darauf hin, dass gerade deutsche Verbraucher keine Bereitschaft hätten, mehr für Lebensmittel zu bezahlen und auch im Billigbereich hohe Qualitäten erwartet würden. Marketing allein könne der Nahrungsmittel-Industrie auf Sicht keine höheren Preise garantieren.
Pressefotos zur Handelsblatt Konferenz „Agrarwirtschaft“ finden Sie im Internet unter:
www.konferenz.de/fotos-agrar08-pr
Pressekontakt:
EUROFORUM Deutschland GmbH
Konzeption und Organisation für Handelsblatt Veranstaltungen
Dr. phil. Nadja Thomas
Senior-Pressereferentin
Prinzenallee 3
40549 Düsseldorf
Telefon.: +49 (0)2 11. 96 86-33 87
Fax: +49 (0)2 11. 96 86-43 87
E-Mail
|